Liberalismus

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Liberalismus
Li|be|ra|lis|mus [libera'l…™sm äs], der; -:
im Individualismus wurzelnde Denkrichtung und Lebensform, die eine freie Entfaltung der Persönlichkeit vertritt und staatliche Eingriffe auf ein Minimum beschränkt sehen will.
Zus.: Fr√ľhliberalismus, Neoliberalismus, Sozialliberalismus, Wirtschaftsliberalismus.

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Li|be|ra|liŐ£s|mus ‚Ć©m.; -; unz.‚Ć™ in der Aufkl√§rung entstandene Welt-, Staats- u. Wirtschaftsauffassung, nach der dem Einzelnen gr√∂√ütm√∂gliche Freiheit gegeben werden soll [‚Üí liberal]

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Li|be|ra|liŐ£s|mus, der; - [engl. liberalism, frz. lib√©ralisme]:
1. im 19. Jh. entstandene, im Individualismus wurzelnde Weltanschauung, die in gesellschaftlicher u. politischer Hinsicht die freie Entfaltung u. Autonomie des Individuums fordert u. staatliche Eingriffe auf ein Minimum beschränkt sehen will.
2.‚ÜĎ liberales (1) Wesen; liberaler Zustand.

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LiberaliŐ£smus
 
der, -, Bezeichnung f√ľr eine Staats-, Wirtschafts- und Gesellschaftsauffassung, die die Freiheit des Individuums als grundlegende, naturgem√§√üe Norm menschlichen Zusammenlebens ansieht und den Fortschritt in Kultur, Recht, Wirtschaft und Sozialordnung als den Inhalt geschichtlicher Entwicklung annimmt.
 
Der Liberalismus kann als erste im heutigen Sinn ¬Ľmoderne¬ę Ideologie gelten, die den ersten systematischen und nicht religi√∂s motivierten Ordnungsentwurf begr√ľndete und dabei nicht nur bestehende Machtstrukturen analysierte, sondern ein bestimmtes Gesellschaftssystem empfahl. Die Qualit√§t dieser Gesellschaft sollte davon abh√§ngig gemacht werden, inwiefern ¬Ľberechenbares Recht¬ę (M. Weber) geschaffen werden k√∂nne. Basis dieser Geisteshaltung ist ein Menschenbild, das dem einzelnen Menschen die F√§higkeit und den Willen zu fortschreitender M√ľndigkeit zuschreibt.
 
Epochal gesehen ist der Liberalismus als Ordnungsentwurf oft an die Begriffe Verfassungsstaat, B√ľrgertum und Kapitalismus gekn√ľpft; er wandte sich sowohl gegen feudale Gesellschafts- und Machtstrukturen als auch gegen Bedrohungen der b√ľrgerlichen Eigentumsordnung durch fr√ľhsozialistische Kr√§fte; er bekannte sich zu einem konstitutionellen System, das die b√ľrgerlichen Freiheiten sicherte. Er erscheint heute - von seiner historischen Wirkung aus betrachtet - als faktisch abgeschlossen, aber in Grundwerten von Staat und Gesellschaft pr√§sent. Mit dem Entstehen moderner Massenbewegungen erfuhr der parteipolitisch organisierte Liberalismus (liberale Parteien) im 20. Jahrhundert einen starken Bedeutungsverlust.
 
 Grundforderungen
 
Auf politischem Gebiet fordert der Liberalismus die Errichtung und den Ausbau eines Verfassungs- und Rechtsstaates, der die staatliche Macht begrenzt (nach dem Grundsatz der Gewaltenteilung), d. h. die Willk√ľr des Staates ausschlie√üt und damit die Rechtssicherheit, die Voraussetzung individueller Freiheit, schafft. Die Gew√§hrleistung von Grundrechten soll die freie Entfaltung der Pers√∂nlichkeit sichern. Der Liberalismus wendet sich gegen Privilegien in der Gesellschaft und fordert die Gleichheit vor dem Gesetz. Alle B√ľrger des staatlichen Gemeinwesens haben Anteil an der Aus√ľbung der Staatsgewalt (Prinzip der Volkssouver√§nit√§t). Der Liberalismus tritt f√ľr die parlamentarische Demokratie als Regierungsform ein, in der die B√ľrger im Rahmen des allgemeinen, gleichen, geheimen und freien Wahlrechts ein Parlament w√§hlen, das in ihrer Vertretung politische Entscheidungen f√§llt (repr√§sentative Demokratie), die am Gemeinwohl orientiert sein sollen. - Im wirtschaftlichen Bereich tritt der Liberalismus in seinen verschiedenen historischen und politischen Auspr√§gungen f√ľr die Marktwirtschaft ein, in der die Wirtschaftssubjekte auf der Grundlage des Privateigentums an den Produktionsmitteln im freien Wettbewerb von Angebot und Nachfrage den Wirtschaftsprozess bestimmen und nicht der Staat. - Im gesellschaftlichen Bereich soll der Mensch in Aus√ľbung seiner Menschen- und B√ľrgerrechte sein Leben im Rahmen selbst gew√§hlter ethischer Normen oder religi√∂ser Anschauungen f√ľhren k√∂nnen. Der Liberalismus vertritt das Prinzip der von Toleranz gepr√§gten ¬Ľoffenen Gesellschaft¬ę. Der Gedanke der freien Entfaltung der Pers√∂nlichkeit wird heute erg√§nzt durch die Forderung nach der Chancengleichheit.
 
 Geschichtliche Grundlagen
 
Geschichtlicher Voraussetzungen des Liberalismus waren die rationalistischen Ideen der Aufkl√§rung, die an Gedanken der Sp√§tantike ankn√ľpften und sich mit dem Individualismus der Romantik verbanden. Ausgehend vom Prinzip der Vernunft bestimmten Fortschritts-, Wissenschafts- und Harmoniegedanke die Entstehung des Liberalismus. Vom ¬Ľfreien Spiel der Kr√§fte¬ę erwartete man eine harmonische Entwicklung des gesellschaftlichen Ganzen, die individuelle Freiheit galt als Garant der bestm√∂glichen Entfaltung des Menschen. Im Mittelpunkt liberaler Anschauungen stand die Idee vom Eigenrecht und Vorrang des Einzelnen gegen√ľber der Gesellschaft. Der Liberalismus stellte die Freiheit an die Spitze seiner Grundwerte.
 
Im Kampf gegen den absolutistischen Obrigkeitsstaat, st√§ndische Traditionen, Legitimismus und kirchliche Orthodoxie wurden die liberalen Leitvorstellungen seit der Franz√∂sischen Revolution erweitert und pr√§zisiert. Die wichtigsten Mittel f√ľr eine Entwicklung der Gesellschaft sah der Liberalismus in der Anerkennung allgemeiner Menschenrechte und in einer geschriebenen Verfassung, die die Grenzen der Staatsgewalt und die Kontrolle der Regierungsorgane festlegen sollte.
 
Das √§u√üerste Stadium des absolutistischen F√ľrstenstaates, der in der politischen Theorie als ein Gesamtk√∂rper dargestellt wurde (T. Hobbes), der im Sinne des allgemeinen Wohls vom unbeschr√§nkten Herrscherwillen gelenkt wird, rief eine Wendung innerhalb des naturrechtlichen Denkens hervor, das sich der empirisch erfassbaren und rational darstellbaren Natur des Menschen anzun√§hern suchte. Der in rigoristischen Richtungen des Protestantismus (Kalvinismus, Puritanismus) kirchlich-institutionell verwirklichte Gleichheitsgrundsatz setzte sich insoweit auch unabh√§ngig von kirchlichen und religi√∂sen Vorstellungen durch, als die b√ľrgerliche Gleichberechtigung in der Rechts- und Staatspraxis allgemeine Anerkennung fand. Die Erkl√§rung allgemeiner Menschenrechte war keine blo√üe Erneuerung der in den Stadtstaaten des sp√§ten Mittelalters und der fr√ľhen Neuzeit bestehenden B√ľrgerfreiheiten; die hier postulierte Freiheit stand vielmehr dem Menschen aufgrund seiner Natur zu (Naturrecht).
 
Die urspr√ľnglich liberalen Doktrinen, zu denen die englischen und schottischen Schulen des Empirismus, Sensualismus und Utilitarismus (J. Locke, F. Hutcheson, A. Ferguson, J. Bentham, J. S. Mill), in Frankreich neben Montesquieu und sp√§ter E. J. Siey√®s v. a. die mit der Encyclop√©die verbundene politische Sp√§taufkl√§rung (D. Diderot, J. Le Rond d'Alembert, J.-J. Rousseau, A. R. Turgot, P. H. T. d'Holbach, A. Condorcet), in Deutschland v. a. I. Kant beigetragen haben, verweisen auf eine optomistische politische Grundhaltung. Als anthropologische Voraussetzung galt, dass das Individuum in seinem wahren Wesen gut und zu fortgesetzter Emanzipation aufgerufen sei. Die aus rationalen Folgerungen entwickelte Geschichtsauffassung f√ľhrte den Nachweis des historischen Fortschritts der Menschheit, der sich empirisch als Verwirklichung des gr√∂√ütm√∂glichen Gl√ľcks darstellt (¬Ľdas gr√∂√üte Gl√ľck der gr√∂√üten Zahl¬ę). Diese Denkungsart entsprach den Interessen der aufsteigenden b√ľrgerlichen Schichten.
 
Als erste Verwirklichung des Liberalismus gelten die Bill of Rights in England (1689), dann die Verfassung der USA von 1787 und die Erkl√§rung der Menschen- und B√ľrgerrechte (D√©claration des droits de l'homme et du citoyen) in der Franz√∂sischen Revolution von 1789. Die Ideen von 1789 gewannen auch in Deutschland starken Einfluss, setzten sich aber lange weniger in politisch-institutionellen als in kulturellen Bereichen durch. Auf der Grundlage des v. a. von Kant, Schiller und W. von Humboldt entwickelten ethischen Freiheitsprinzips entfaltete sich der Gedanke der freien Pers√∂nlichkeitsbildung, der besonders auf Lehre und Wissenschaft bestimmend einwirkte. Der Liberalismus wurde aber auch in Deutschland immer mehr die Grundlage der b√ľrgerlichen Verfassungsbewegung, des nationalen Einheitsstrebens, der Entwicklung des Rechtsstaats, des wirtschaftlichen Aufschwungs, der neuen Sozialethik, der modernen P√§dagogik, der von kirchlich-dogmatischen Bindungen gel√∂sten Kulturpolitik und der autonomen Wissenschaftshaltung. Im religi√∂sen Bereich f√ľhrte er besonders zur Forderung der Trennung von Staat und Kirche (¬Ľfreie Kirche im freien Staat¬ę).
 
 Politischer Liberalismus
 
Hauptziel des politischen Liberalismus war die √úberwindung des Absolutismus durch den Verfassungsstaat, der durch eine Verfassungs-Urkunde Rechte und Besitz des Einzelnen sichert (¬ĽLife, Liberty and Property¬ę). Dies sollte geschehen einmal durch Wahl einer Volksvertretung als Repr√§sentativk√∂rper, in der sich die staatliche Willensbildung (besonders Gesetzgebung und Budgetgestaltung) vollzieht und die die st√§ndige Kontrolle der Regierung aus√ľbt (Ministerverantwortlichkeit), zum andern durch Gew√§hrleistung der Rechte des Einzelnen (Entwicklung eines Grundrechtekatalogs), Gesetzm√§√üigkeit der Verwaltung, Gleichheit vor dem Gesetz und geordneten Rechtsschutz. W√§hrend das liberale System in Gro√übritannien und Frankreich im Laufe des 19. Jahrhunderts in der Form des Repr√§sentativsystems verwirklicht wurde, konnte der Liberalismus in Deutschland bis 1918 nur das konstitutionelle System durchsetzen (Konstitutionalismus); erst bei den Verfassungs-Beratungen 1919/20 hat er in Deutschland das Verfassungsrecht wesentlich beeinflusst. Hinsichtlich des Wahlsystems vertrat der Liberalismus anf√§nglich √ľberwiegend ein Wahlrecht, das den gebildeten und besitzenden Schichten Vorrechte einr√§umte (Zensuswahlrecht); ein radikaler demokratischer Fl√ľgel verfocht von Beginn an das allgemeine und gleiche Wahlrecht, das f√ľr den Reichstag des Norddeutschen Bundes 1867, in Preu√üen erst im Dezember 1918 eingef√ľhrt wurde. Einigkeit herrschte in allen liberalen Richtungen dar√ľber, dass die fundamentalen Freiheitsrechte Grundlage der Staatsverfassung sein m√ľssten. Zu den Hauptforderungen des Liberalismus geh√∂rten ferner: Selbstverwaltung der Gemeinden, Bauernbefreiung, Beseitigung des Zunftwesens, Freiz√ľgigkeit, freier Zugang zu Berufen und √Ąmtern, Beseitigung st√§ndische Vorrechte, Aufhebung religi√∂ser und rassischer Diskriminierungen und Judenemanzipation.
 
Je mehr der Liberalismus im 19. Jahrhundert als Tr√§ger der ¬Ľb√ľrgerlichen Revolution¬ę, der gesellschaftlichen Reformen und der nationalen Einigungsbewegungen (Italien, Deutschland) an der Aus√ľbung der Staatsgewalt teilzunehmen vermochte und in f√ľhrende Schichten der Gesellschaft und Institutionen des Staates (Offizierskorps, Beamtentum, Parlament) Eingang fand, desto st√§rker betrachtete er den Staat als H√ľter der Freiheit und als Instanz, die die liberalen Ideen durch Gesetzgebung, Verwaltung und Rechtsprechung verwirklichen soll. Nach dem politischen Ordnungsprinzip des Liberalismus soll die Freiheit jedes Einzelnen mit der Freiheit jedes anderen vereinbar bleiben; also beschr√§nken sich die Einzelnen gerade durch allgemeine Freiheit gegenseitig.
 
Historisch wurde f√ľr die Verbindung des Liberalismus mit dem Staat der Nationalstaatsgedanke bedeutsam. Seitdem die Franz√∂sische Revolution im Zeichen der Volkssouver√§nit√§t Nation und Staat gleichgesetzt hatte, wurde der Liberalismus immer mehr vor die M√∂glichkeit gestellt, mit dem Freiheitsprinzip das grunds√§tzlich mit ihm unvereinbare Machtprinzip in der Form zu verschmelzen, dass er die Freiheit als innenpolitische, die Macht als au√üenpolitisches Prinzip vertreten konnte. W√§hrend im Liberalismus des Vorm√§rz die Institution der stehenden Heere bek√§mpft und der Milizgedanke verfochten wurde (C. von Rotteck), trat der nationale Liberalismus f√ľr Machtentfaltung nach au√üen ein (Kolonialismus); in allen Staaten wurde diese machtpolitische Richtung zum Verfechter imperialer Ideen (Imperialismus). In Auseinandersetzung mit der sich in der 2. H√§lfte des 19. Jahrhunderts vollziehenden Ann√§herung v. a. des national orientierten Liberalismus an den Konservativismus bildete sich ein entschiedener Linksliberalismus, der die demokratischen Ideen weiterentwickelte.
 
 
Der wirtschaftliche Liberalismus geht theoretisch auf die Physiokraten des 18. Jahrhunderts zur√ľck und erhielt seine entscheidende Pr√§gung in der klassischen National√∂konomie (A. Smith, D. Ricardo, J. Mill), die um die Mitte des 19. Jahrhunderts in der Freihandelsbewegung (Freihandel), namentlich im Manchestertum (R. Cobden) sowie in der Gesellschaftsphilosophie von J. Bentham und J. S. Mill gipfelte. Die st√§rkste Antriebskraft f√ľr das wirtschaftliche Handeln sahen die klassischen National√∂konomen im Eigeninteresse der Einzelnen, die sich im freien Wettbewerb begegnen, ungehindert durch staatliche Wirtschaftslenkung, ausschlie√ülich gesteuert durch den Preismechanismus. Der Freihandel soll dieses wirtschaftliche Kr√§ftespiel auch in den weltwirtschaftlichen Beziehungen herstellen. Dem wirtschaftlichen Interventionismus wird das Motto ¬Ľlaissez faire, laissez aller¬ę entgegengestellt. Es wird geltend gemacht, dass gerade der freie Wettbewerb zu einer gerechten Verteilung der Wirtschaftsg√ľter und zu einer L√∂sung der sozialen Frage f√ľhre, da er dem Einzelnen den sozialen Aufstieg nach seinen Leistungen und Kr√§ften m√∂glich mache. Die Voraussetzung eines solchen Gleichgewichtssystems ist die vollst√§ndige Konkurrenz, ein System, in dem sich eine unbeschr√§nkte Vielzahl unabh√§ngiger Unternehmer in st√∂rungsfreiem Leistungswettbewerb begegnen. Wo die vollst√§ndige Konkurrenz z. B. durch Bildung wirtschaftlicher Machtansammlung (Monopole, Oligopole, Trusts, Konzerne, Kartelle) gest√∂rt ist, werden ¬Ľmarktkonforme¬ę staatliche Interventionen gefordert.
 
Schon J. S. Mill erkannte neben dem Grundsatz der freien Konkurrenz unter gewissen Voraussetzungen eine Notwendigkeit staatlichen Eingreifens an, verteidigte die Interessen auch der wirtschaftlich Schw√§cheren und hielt die herrschende Eigentumsorganisation f√ľr reformbed√ľrftig. In Deutschland und √Ėsterreich-Ungarn bem√ľhte sich v. a. L. von Stein um eine Verkn√ľpfung liberaler Doktrinen mit sozialistischen Gedanken in einer staatskonservativen Konzeption, w√§hrend F. List die liberale Wirtschaftsweise f√ľr Deutschland mittels Schutzz√∂llen auf ein nationales System begrenzen wollte.
 
Auf der Grundlage der Wirtschaftslehre des Liberalismus entwickelte sich im 19. Jahrhundert der Hoch- oder Industriekapitalismus, zugleich aber auch der Gegensatz zwischen Unternehmertum und Arbeiterschaft (Klasse, Klassenkampf). Die Versuche, die damit entstandene soziale Frage durch Sozialreformen zu l√∂sen, hatten nur einen Teilerfolg. Der wirtschaftliche Liberalismus war durch diese Entwicklung gezwungen, sich vom reinen Manchestertum zu l√∂sen. In Auseinandersetzung mit dem Sozialismus entwickelten v. a. linksliberale Kr√§fte die Idee der genossenschatlichen Selbsthilfe (H. Schulze-Delitzsch). Obwohl sich die sozialreformerisch eingestellten Kr√§fte des Liberalismus engagiert der L√∂sung der sozialen Frage widmeten, konnten sie nicht verhindern, dass sich die Arbeiterbewegung, die in ihren Anf√§ngen √ľberwiegend im Lager der demokratisch-liberalen Parteien stand, bald vom Liberalismus abwandte.
 
 Kulturpolitische Impulse des Liberalismus
 
Auf kulturpolitischem Gebiet forderte der Liberalismus, ausgehend von seinem Grundgedanken der Toleranz, die staatliche Schulaufsicht, die Einrichtung der Simultanschule, die Zivilehe, die Freiheit von Forschung und Lehre an den Universitäten, die Pressefreiheit sowie, in Ablehnung des kirchlichen oder staatlichen Gewissenszwangs, die Glaubens- und Bekenntnisfreiheit, damit verbunden die Trennung von Staat und Kirche (Laizismus, Kulturkampf). So verallgemeinerte der Liberalismus jene Abkehr von traditionellen Autoritäten, die sich auf religiösem Gebiet in der Reformation angebahnt hatte.
 
 Die Krise des Liberalismus und ihre Folgen
 
War die nationale Frage bis in die 2. H√§lfte des 19. Jahrhunderts hinein in vielen Staaten Europas Ausdruck b√ľrgerlicher Emanzipationsbestrebungen, so wurde sie seit den 70er-Jahren des 19. Jahrhunderts oft ein Element konservativer und nationalistischer Ideologien. Die mit wirtschaftlichen Depressionen und schweren sozialen Missst√§nden verbundene Entwicklung der industriellen Gesellschaft ersch√ľtterte in ganz Europa langfristig den optomistischen Glauben an die selbstt√§tige Wirtschaftsregulierung durch die ¬Ľunsichtbare Hand des Marktes¬ę (Smith), eine Grundpr√§misse des Wirtschaftsliberalismus. Hinzu kam nach dem Ersten Weltkrieg die Verarmung b√ľrgerlicher Besitz- und Bildungsschichten, die bis dahin in starkem Ma√üe den Liberalismus getragen hatten. Seit der 2. H√§lfte des 19. Jahrhunderts sah sich der Liberalismus in seiner Wirtschaftskonzeption v. a. von konservativer Seite mit Ma√ünahmen des Staatsinterventionismus, von sozialistischer und christlich-sozialer Seite mit dem Vorwurf konfrontiert, einer Klassengesellschaft zum Nachteil der sozial Schwachen Vorschub zu leisten. Die liberalen Parteien verloren an R√ľckhalt in der Bev√∂lkerung; die Arbeiterschaft wandte sich schon fr√ľh dem Sozialismus (mit Verz√∂gerung in Gro√übritannien) und den von ihm bestimmten Parteien der Arbeiterbewegung zu. Nach dem Ersten Weltkrieg erlebte der liberale Gedanke in Europa schwere R√ľckschl√§ge, besonders in Deutschland; wo totalit√§re Ideologien zur Macht gelangten, wurde der Liberalismus als eine Erscheinung der ¬Ľatomistischen¬ę Zersetzung des Volkes oder als Ideologie des Klassenfeindes scharf bek√§mpft und in seinen institutionellen Grundformen ausgeschaltet.
 
Nach dem Zweiten Weltkrieg war v. a. der Neoliberalismus um eine theoretische Erneuerung des Liberalismus - besonders auf wirtschaftlichem Gebiet - bem√ľht. Er lehnt im Besonderen die vom klassischen Wirtschaftsliberalismus geforderte Beschr√§nkung des Staates auf die reine Sicherung von Freiheit und Eigentum ab und schlie√üt staatliche Eingriffe sowie soziale Regelungen nicht mehr grunds√§tzlich aus. Der Staat soll vielmehr marktkonforme Rahmenbedingungen f√ľr den unbeschr√§nkten Wettbewerb schaffen, jede monopolistische Machtentfaltung verhindern und zur Verstetigung und Stabilisierung der wirtschaftlichen Entwicklung beitragen. Innerhalb verschiedentlich modifizierter Formen und Einschr√§nkungen hat sich nach dem Zweiten Weltkrieg auch der Gedanke des Freihandels wieder durchsetzen und dem Welthandelssystem neue Impulse vermitteln k√∂nnen. Neoliberale Konzeptionen bildeten die Grundlage f√ľr die Entwicklung der sozialen Marktwirtschaft. Zahlreiche Grundprinzipien des Liberalismus, z. B. die Beachtung der Grundrechte sowie der Rechtsstaat und die repr√§sentative Demokratie als staatliche Organisationsprinzipien, wurden z. B. von den Gruppierungen der Sozialdemokratie und der christlichen Demokratie √ľbernommen.
 
 Der Liberalismus im ausgehenden 20. Jahrhundert
 
Mit dem Zusammenbruch der kommunistischen Herrschaftssysteme in Europa hat der Sozialismus als Alternativmodell zum Liberalismus an Einfluss und Attraktivit√§t verloren. Die (unterschiedlich ausgepr√§gte) √Ėffnung zu Marktwirtschaft und parlamentarischen Demokratie bedeutet eine Hinwendung zu den wirtschaftlichen und politischen Prinzipien des Liberalismus; aufgrund der mit dem Transformationsprozess oft verbundenen wirtschaftlichen und politischen Instabilit√§t kann von einer Renaissance des Liberalismus als Ideologie aber nicht die Rede sein. Auch in den traditionellen demokratischen Verfassungsstaaten, in denen der Liberalismus seine politische Hauptanliegen weitgehend verwirklichen konnte, sind die √∂konomischen Leitbilder des Liberalismus angesichts der wirtschaftlichen Probleme umstritten. Den Chancen einer dem liberalen Freihandelspostulat entsprechenden weltwirtschaftlichen Verflechtung stehen destabilisierende Wirkungen der Globalisierung gegen√ľber. Hatte der Liberalismus schon durch den Sozialstaatsgedanken Modifikationen erfahren, so werden liberale Grunds√§tze heute u. a. auch unter √∂kologischen Gesichtspunkten (¬Ľ√∂kosoziale Marktwirtschaft¬ę) diskutiert.
 
Weitere Informationen zu diesem Thema finden Sie v. a. auch in den folgenden Artikeln:
 
Chancengleichheit · Demokratie · Freiheit · Gewaltenteilung · Konstitutionalismus · Kulturkampf · Laizismus · Liberale Internationale · liberale Parteien · Menschenrechte · Rechtsstaat
 
 
W. Röpke: Jenseits von Angebot u. Nachfrage (Bern 51979);
 H. A. Winkler: L. u. Anti-L. (1979);
 
Polit. L. in der Bundesrep. Dtl., hg. v. L. Albertin (1980);
 R. Dahrendorf: Der L. u. Europa (1980);
 R. Dahrendorf: Die Chancen der Krise. Über die Zukunft des L. (1983);
¬†Z. Batscha: Studien zur polit. Theorie des dt. Fr√ľh-L. (1981);
 J. H. Schoeps u. a.: Konservatismus, L., Sozialismus. Einf., Texte, Bibliogr. (1981);
 
L. in der Gesellschaft des dt. Vormärz, hg. v. W. Schieder (1983);
 
Wie tot ist der L.? Nachdenken √ľber ein Grundprinzip, hg. v. M. J. Lasky u. a. (1983);
 A. Arblaster: The rise and decline of Western liberalism (Oxford 1984; Nachdr. ebd. 1987);
 G. Dietze: Reiner L. (1985);
 G. Dietze: Konservativer L. in Amerika (1987);
 
L., hg. v. L. Gall (31985);
 G. Watson: The idea of liberalism. Studies for a new map of politics (London 1985);
 
L. im Kreuzfeuer. Thesen u. Gegenthesen zu den Grundlagen der Wirtschaftspolitik, hg. v. H. G. Nutzinger (1986);
 
L. u. Sozialismus, hg. v. Thomas Meyer u. a. (1987);
 
Liberal parties in Western Europe, hg. v. E. J. Kirchner (Cambridge u. a. 1988);
 
L. im 19. Jh., hg. v. D. Langewiesche (1988);
 D. Langewiesche: Liberalism and recent legal and social philosophy, hg. v. R. Bellamy (Wiesbaden 1989);
 J. Rawls: Die Idee des polit. L. (1991);
 J. Rawls: L. in Dtl. (41995);
 I. Pies: Normative Institutionenökonomatik. Zur Rationalisierung des polit. L. (1993);
 
L. u. Region. Zur Gesch. des dt. L. im 19. Jh., hg. v. L. Gall u. a. (1995);
 
L. Interpretationen u. Perspektiven, hg. v. E. Brix u. a. (Wien u. a. 1996).
 
Hier finden Sie in √úberblicksartikeln weiterf√ľhrende Informationen:
 
Volkswirtschaft: √Ėkonomische Ideengeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts
 
Ideologien des 19. Jahrhunderts: Liberalismus, Konservativismus, Nationalismus
 
Europa im Vormärz: Um Verfassung und Nation
 
 
Aufklärung in England: Freidenker, Deisten und Liberale
 

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Li|be|ra|liŐ£s|mus, der; - [engl. liberalism, frz. lib√©ralisme]: 1. im 19. Jh. entstandene, im Individualismus wurzelnde Weltanschauung, die in gesellschaftlicher u. politischer Hinsicht die freie Entfaltung u. Autonomie des Individuums fordert u. staatliche Eingriffe auf ein Minimum beschr√§nkt sehen will. 2. liberales (1) Wesen; liberaler Zustand: w√§hrend eine Verminderung der Gefahr das Bed√ľrfnis nach L. und mehr Freiheit weckt (D√∂nhoff, √Ąra 132).

Universal-Lexikon. 2012.


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